Wurden im Kloster Lehmen Kinder misshandelt?

Ex-Ortsbürgermeister und Lehrerin bestreiten Missbrauch durch Schwestern - Weitere Zeitzeugen stützen Vorwürfe

LEHMEN. Als der frühere Ortsbürgermeister von Lehmen (Kreis Mayen-Koblenz), Klaus Heidger, am Samstag vor einer Woche zur Kirmes in seinem Heimatort ging, gab es zuweilen nur ein Thema: ein Artikel in unserer Zeitung über angebliche Misshandlungen im früheren Kinderheim in Lehmen.

In dem Bericht in unserem Wochenend-Journal erinnerten sich die beiden ehemaligen Heimkinder Irmgard Görg aus Ransbach-Baumbach und Wolfgang Görges aus Köln an Demütigungen, Gewalt und sexuelle Erniedrigungen im Kloster Lehmen. Die Täter, die sie anklagten, waren die Schwestern des "Karmelitinnenordens vom Göttlichen Herzen Jesu", die bis 1974 in dem Kloster ein Kinderheim betrieben.

Der damalige Ortsbürgermeister Heidger kann die schweren Vorwürfe der früheren Heimkinder nicht nachvollziehen. In einem Brief an unsere Zeitung schreibt er: "In den 60er-Jahren war ich Vorsitzender und Jugendbetreuer vom TSV Lehmen und erlebte dabei zahlreiche Heimkinder als fröhliche Sprösslinge in ausgelassener sportlicher Betätigung in unseren Jugendmannschaften. In dieser Zeitspanne betreute meine Familie auch des Öfteren eine fröhliche Kinderschar aus dem St.-Josef-Heim. Sporadische Verbindungen zu ehemaligen Heimkindern, die als lebensbejahende Bürger heute ihren Alltag meistern, pflegt meine Familie bis in die Gegenwart." Mehr noch: Auch viele Bürger aus Lehmen erinnern sich laut Heidger "gern an das segensreiche Wirken der Schwestern, die damals auch als Erzieherinnen im hiesigen Kindergarten mitwirkten".

Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert sich Heidger, der noch bis 2004 Ortsbürgermeister von Lehmen war, auch daran, dass das Kinderheim stets streng kontrolliert wurde - durch Caritas und Kreis-Jugendamt. Allein deshalb hält er es für undenkbar, dass sich derart schwere Misshandlungen hinter den Klostermauern zugetragen haben können.

"Kinder nicht bedrückt"

Unterstützung bekommt er von Therese Anheier, die von 1963 bis 1992 Lehrerin in der gegenüberliegenden Schule war und dort auch Kinder aus dem Heim unterrichtete. "Ich war mehr als schockiert von dem Bericht. Ich habe das Kloster gut gekannt und die Schwestern. Niemals hat sich eines der Insassen über Geschehnisse in dem Kloster bei mir beschwert. Was die beiden Zeitzeugen berichten, kann ich nicht glauben." Nach ihrer Beobachtung waren die Schwestern "sehr bemüht". Und man müsse doch bedenken, "dass die Kinder aus sehr schwierigen Verhältnissen kamen. Für die pensionierte Lehrerin steht fest: "Die Kinder waren nicht bedrückt. Wir hätten doch bemerkt, wenn jemand misshandelt worden wäre."

Dass es sehrwohl sein kann, dass die Umgebung eines Kinderheims nichts von den Misshandlungen mitbekommt, hält Johannes Heibel durchaus für möglich. Der Diplom-Sozialpädagoge, der vor 18 Jahren nach einem Missbrauchsfall an einer Schule im Westerwald die "Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kinder und Jugendlichen" gründete, weiß: Missbrauchte Kinder erleben oft eine große Ohnmacht.

Viele seien dann schwer traumatisiert. "Deshalb ist es ganz normal, dass diese Dinge erst sehr spät wieder hochkommen." So war es auch bei beiden Zeitzeugen aus dem Kloster Lehmen, die erst 40 Jahre nach ihren schlimmen Erfahrungen öffentlich darüber reden.

15 Jahre lang kein Kontakt

Mittlerweile haben sich bei unserer Zeitung zahlreiche Zeitzeugen gemeldet, die die Aussagen von Görg und Görges bestätigen. Darunter sind auch die Brüder von Wolfgang Görges, zu denen der Kölner 15 Jahre lang keinen Kontakt hatte.

Allerdings gibt es auch Zeitzeugen, die selbst im Kinderheim in Lehmen waren, dort aber keine negativen Erfahrungen gemacht haben. Für Sabine Lutz aus Neuwied war der Aufenthalt im Kinderheim Lehmen "die schönste Zeit in meinem Leben". Die heute 48-Jährige kam 1967 als Fünfjährige in das Kloster. Die Schwestern haben sich nach ihrer Erinnerung sehr gut um jedes Kind gekümmert. Bis heute hat sie Kontakt zu einer der Schwestern, die jetzt in Berlin lebt.

Zur gleichen Zeit wie Sabine Lutz waren auch Silvia Kohnz aus Koblenz und ihr Bruder Thorsten Mahncke aus Winningen in Lehmen. Sie sagen: "Schön war es dort auf keinen Fall." Sie berichten wie Görg und Görges von einem harten Umgang im früheren Heim etwa beim Essen. Immer wieder habe es Schläge mit einem Stock gegeben. Von sexuellen Übergriffen wissen sie aber nichts.

Hilde Heinzen aus Holler (Westerwaldkreis) fragt sich: "Hatte das Kloster Lehmen zwei Gesichter?" 1947 war sie vier Wochen lang in dem Kloster. Daran hat sie nur gute Erinnerungen: "Mir ist aus dieser Zeit keine negative Äußerung eines Heimkindes bekannt."

Anwalt glaubt Mandanten

Und was sagt Rechtsanwalt Thomas Jembrek, der Görg und Görges vertritt, zu dieser zwiespältigen Reaktion? "Was genau in Lehmen passiert ist, wissen wir noch nicht. Aber ich halte meine Mandanten weiterhin für absolut glaubwürdig." Er sieht sich bestätigt durch die psychologischen Gutachten, die eine schwere Traumatisierung durch die damaligen Geschehnisse bestätigten. Mittlerweile liegt Jembrek ein dreiseitiger Brief des Bruders von Irmgard Görg vor, in dem dieser von ähnlichen Erfahrungen berichtet. Doch Jembrek ist sich bewusst, wie schwer es ist, dies alles zu beweisen. Daher fragt er: "Wo sind all die Akten von damals hin?" Er will sie finden - auch um Zweifler wie Lehmens Ex-Ortsbürgermeister zu überzeugen.   Christian Kunst

Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz und Region vom 08.02.2010, Seite 3.

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