Journal: Die Hölle Kinderheim lässt sie nie los

Hunderttausende Kinder waren in den 50er- und 60er-Jahren in Heimen eingesperrt. Unzählige wurden gedemütigt und gequält - im Namen der Kirche. Zwei von ihnen erzählen ihre Geschichte. Sie wollen endlich eine Entschädigung für die erlittenen Qualen.

Ein eisiger Wind bläst über den Hof des ehemaligen Klosters in Lehmen (Kreis Mayen-Koblenz). Von der gegenüberliegenden Grundschule schallen Hunderte Kinderstimmen herüber. Der kleine Moselort verkriecht sich an diesem kalten Januartag unter einer malerischen Schneedecke. Als Irmgard Görg und Wolfgang Görges die schwere Tür des braunen Backsteinhauses öffnen, gefrieren ihre Herzen. "Hier riecht es immer noch so wie damals", sagt die 54-Jährige aus Ransbach-Baumbach. Der Ekel ist der Frau, die sich wie zum Schutz in einem dicken Nerzmantel versteckt, ins Gesicht geschrieben. Da, wo beide jetzt stehen, können sie die Hölle noch riechen - fast ein Jahrzehnt voller Demütigungen, Gewalt, sexueller Erniedrigungen erlebten sie im Kinderheim des "Karmelitinnenorden vom Göttlichen Herzen Jesu".

Ihre Kindheit wirft lange Schatten auf ihr heutiges Leben. Zwei frühere Heimkinder klagen an: Irmgard Görg aus Ransbach-Baumbach und Wolfgang Görges aus Köln durchlebten ein jahrelanges Martyrium im Kloster Lehmen. Sie wurden geschlagen, gedemütigt und sexuell erniedrigt, berichten sie.45 Jahre ist es her, dass Irmgard Görg in Lehmen ihr "Wölfchen" trifft. Wolfgang Görges kommt damals gerade zum zweiten Mal in das Heim. Fünf Jahre vorher, im Jahr 1960, war seine Mutter bei der Geburt des sechsten Kindes gestorben. Der Vater, einfacher Arbeiter in einer Möbelfabrik bei Plaidt, ist überfordert. Die Nachbarn informieren das Jugendamt, das die Kinder in Heime einweist. Der sechsjährige Wolfgang kommt nach Lehmen. Von den Geschwistern getrennt, fühlt er sich alleingelassen. Und: "Die Schwestern in dem Kloster waren sehr kalt." Vier Jahre später darf der kleine Junge für wenige Monate zurück zu seinem Vater, weil dieser eine neue Frau gefunden hat. Doch dann stirbt auch sein Vater, und er muss zurück ins Kloster Lehmen.

Dort trifft er Irmgard Görg, die für ihn zu einer Schwester wird. Wie er fühlt sie sich von ihren Eltern verlassen. Zusammen mit drei Geschwistern kommt das Mädchen 1965 nach Lehmen. Alle verbindet mehr als ein Gefühl des Alleinseins. Sie durchleiden ein gemeinsames Martyrium - wie Tausende andere Heimkinder zu dieser Zeit.

Um 5 Uhr werden die Mädchen und Jungen, die getrennt in Gruppen von 20 bis 30 Kindern in großen Schlafsälen schlafen, geweckt - nicht selten mit einem Lederriemen. "Es war unzüchtig, wenn auch nur eine Zehenspitze aus dem Bett schaute", erinnert sich Görges. Zwei Nonnen überprüfen dies jeden Morgen akribisch. Danach geht es im militärischen Gleichschritt in die Kapelle im Kloster. "Wir mussten stramm stehen wie eine Armee", beschreibt es Irmgard Görg. Wenig später geht es zum Frühstück. Die Kinder hassen es, weil alles mit Kümmel zubereitet ist. "Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt", lautet die Parole der Schwestern. Nicht selten erbricht ein Kind das Essen - mit fatalen Folgen. Denn die Nonnen zwingen die Kinder dann, das Erbrochene wieder aufzuessen, erzählt Görg.

Es folgen Stunden, in denen die Kinder Ruhe vor der allgegenwärtigen Gewalt finden. In der gegenüberliegenden Schule quält sie jedoch etwas anderes: "Wir waren Aussätzige, wurden ausgegrenzt", sagt Görg. Und immer haben sie das Kloster im Blick - eine stille Warnung. Denn die Nonnen haben es den Kindern streng verboten, mit den Lehrern über das zu reden, was sich hinter den Klostermauern abspielt. Ungeheuerliches.

Drakonische Strafen sind an der Tagesordnung. Nur einmal pro Woche dürfen die Kinder ihre Unterhosen wechseln. Jeden Abend inspizieren die Nonnen die Unterwäsche. Ist sie dreckig, müssen sich Jungen und Mädchen ausziehen, und es gibt Stockschläge in den Unterleib, erzählt Görg. Oder die Kinder müssen für Stunden in die "Dunkelkammer", in der sie nur knien können.

Um 20 Uhr geht es ins Bett. Wer nicht schläft oder gar einnässt, den nehmen die Nonnen mit in die Waschstube. Dort steht eine große Wanne mit kaltem Wasser, in der die Kinder stundenlang ausharren müssen, auch wenn sich viele die Seele aus dem Leib schreien. "Buße für eure Sünden", erklären die Schwestern den Gepeinigten lapidar.

Wolfgang Görges trifft es besonders hart. Eine Schwester hat es auf den Jungen abgesehen: "Sie nahm mich abends oft mit in ihr Zimmer. Dort musste ich mich ausziehen und auf einen Basaltbrocken knien, bis meine Knie blutig waren. Dann hat sie mich angefasst. Oder ich musste mich über einen Stuhl lehnen, und sie hat mich mit einem Lederriemen traktiert." Irmgard Görg versucht immer wieder, "mein Wölfchen zu beschützen, auch wenn ich dafür bestraft wurde". Als sie stürzt, näht eine Schwester die Wunde ohne Betäubung wieder zu - "mit drei Stichen", erinnert sie sich. Mit einem Lineal schlagen die Ordensschwestern dem Mädchen auf den Unterleib.

1967 verlässt Irmgard das Kinderheim für einige Wochen. Als sie zurückkehrt, ist Wolfgang nicht mehr da. Ein Jahr später wird auch sie aus Lehmen entlassen. Für beide beginnt jetzt ein zweites Martyrium: Sie müssen ihre schlimmen Erlebnisse verarbeiten. "Ich habe 20 Jahre in psychiatrischen Kliniken verbracht. Meine Ehe ist in die Brüche gegangen. Zwei Drittel meines Lebens waren die Hölle", sagt Görges. Lange Zeit hat er einen Sauberkeitszwang, räumt seiner Frau alles nach. "Zwangsstörungen" nennen die Psychologen das, was der 55-jährige Kölner nur mit schweren Psychopharmaka in den Griff bekommt.

Irmgard Görg verarbeitet die Demütigungen schneller. Doch auch ihre Ehe scheitert. Bis heute hat sie Platzangst. Sie weiß: "Alle, die in Lehmen waren, sind für immer geschädigt." Immerhin: Vor einem Jahr hat sie ihr "Wölfchen" wiedergefunden - im Internet. Und sie haben sich entschlossen, eine Klage anzustrengen. "Ich hasse die Kirche. Für unser Leid muss sie bezahlen", sagt Görg kühl. Beide haben den Kölner Anwalt Thomas Jembrek engagiert. Er fordert eine "formelle Entschuldigung und eine angemessene, sechsstellige Entschädigung".

Monatelang hat Jembrek recherchiert - beim Kreis, dem Bistum, dem Landesjugendamt, sogar die deutsche Vertretung der Karmelitinnen und den apostolischen Nuntius in Deutschland, quasi den Botschafter des Vatikans, hat er angeschrieben. Der Orden ist direkt dem Papst unterstellt. Bislang weiß Jembrek nur, dass seine Mandanten tatsächlich im Kloster Lehmen lebten - dem deutschen Melderegister sei Dank. Akten will weder das Land noch der Karmelitinnen-Orden haben. Von den Heimkindern Görg und Görges weiß angeblich niemand. Alle damaligen Schwestern seien tot.

Doch Jembrek gibt nicht auf. Er hält die Beweislast für erdrückend. Von einer Verjährung will er nichts wissen. "Hier geht es um Völkerverbrechen, um die Menschenwürde." Das Land müsse bezahlen. Derzeit blickt er aufmerksam nach Berlin, wo der Runde Tisch des Bundestags das Schicksal der Heimkinder verhandelt. Bis Ende dieses Jahres will das Gremium über eine mögliche Entschädigung entscheiden.

Und wenn dies nicht gelingt? Jembrek hat einen langen Atem. "Ich werde diesen Fall vernünftig abschließen. Und wenn ich dafür bis zum Bundesverfassungsgericht oder zum Europäischen Gerichtshof gehen muss. Notfalls schreibe ich auch einen Brief an den Papst."

Christian Kunst

Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz und Region vom 30.01.2010, Seite 52.

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