Lehmener Turm war einst Teil eines größeren Gehöfts

Geschichte Aura des Mystischen umgibt das Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert

Von unserem Redakteur David Ditzer

Ediger-Eller. Einsam und geheimnisumwittert ragt zwischen Nehren und Ediger-Eller, am Fuße der Weinberge, ein Bruchsteinturm aus der Mosellandschaft empor, gesäumt von der Bundesstraße 49. Besonders viel ist es nicht, was man über das rund 16 Meter hohe Bauwerk aus Schieferbruchstein weiß, gibt Heidi Hennen-Servaty, die Ortsbürgermeisterin von Ediger-Eller unumwunden zu. Doch gerade das verstärkt die Aura des Mystischen, die den Lehmener Turm zweifelsohne umgibt.

Nicht nur der Lehmener Turm selbst steht fest, sondern auch, dass dem wahrscheinlich schon seit dem 13. Jahrhundert so ist. Und 1987/88 nahmen sich die Gemeinde Ediger-Eller und das Amt für Denkmalpflege, damals noch in Mainz ansässig, des Baudenkmals zwischen Nehren und Ediger-Eller an. Ein weiterer Verfall desselben sollte unbedingt verhindert werden.

So gibt es ein Bericht wieder, den Walter Gattow, inzwischen verstorbener ehemaliger Leiter der RZ-Lokalredaktion Cochem, für das Heimatjahrbuch des Jahres 1992 verfasste. Den Stopp des Verfalls ließen sich Denkmalpflege und Gemeinde danach seinerzeit rund 130 000 D-Mark kosten. Zu dieser Summe steuerte Ediger-Eller 25 000 Mark bei.

 Das Gut Lehmen und der dazugehörige WohnturmBewusst achtete man darauf, dass der Turm sein Erscheinungsbild als Ruine behält. Die Bruchsteinmauern wurden gefestigt, im Inneren wurden Böden gelegt, Fenster und Türen installiert und ein neuer hölzerner Treppenaufgang entstand. Als Schutz vor Wind und Wetter bekam der Turm ein Kupferdach. Ein Anschluss ans Wasserleitungsnetz wurde ebenfalls hergestellt.

Doch warum heißt der Turm zwischen Nehren und Ediger-Eller überhaupt Lehmener Turm? Auch darüber gibt Gattows Artikel Auskunft: Das in Lehmen (Kreis Mayen-Koblenz) beheimatete Geschlecht von Lehmen steht in einem Zusammenhang mit dem Hof Lehmen bei Ediger. Zu diesem Hofgut gehörte der romanische Turm, in den sich die Bewohner bei Gefahr, beispielsweise wenn sie überfallen wurden, zurückziehen konnten. Das Bauwerk ist also im Grunde eine mittelalterliche Form der modernen Panikräume. Wie Gattow in seinem Bericht schreibt, wurde im Jahr 1227 eine Andenkenstiftung für einen Werner von Lehmen schriftlich erwähnt. Er erhielt dieselbe, weil er auf für sich beanspruchte Güter des Klosters Stuben gegenüber von Bremm verzichtete. Sicher ist, so Gattow weiter, dass das in einer Verpachtungsurkunde des Klosters Stuben aus dem Jahr 1245 als Ausstellungsort erwähnte „Limen“ das Hofgut respektive kleine Dorf bei Ediger ist.

Dass zu dem übrig gebliebenen Turm ehemals weitere Bauwerke gehörten, lässt sich auch heute noch leicht erkennen: In Ost- und Westrichtung ragen Bruchsteine aus dem Gemäuer heraus, die den Verlauf weiterer Wände andeuten. Im seinem Buch „Kunstdenkmäler des Kreises Cochem, 1959“ schreibt Ernst Wackenroder diesen Anbruch einer Umfassungsmauer zu, „die einst dem Moselufer etwa parallel ging“. Während das erste Geschoss des Turmes Wackenroder zufolge „als Keller anzusehen“ ist, hat das zweite „auf der Ostseite eine hohe rundbogige Wehrgangstür“. Dendrochronologische Gutachten haben ergeben, dass das Holz, das für den Turmbau verwendet worden ist, in den Jahren 1233/1234 gefällt wurde. Zu dieser Zeit oder kurz danach dürfte das vom Grundriss her fast quadratische Bauwerk errichtet worden sein. Turm und Hofgut, zu dem auch eine Kapelle gehörte, gingen im 17. Jahrhundert in den Besitz des Geschlechts de Roben über, weil das Rittergeschlecht von Lehmen in männlicher Linie ausgestorben war. Das Stammhaus der de Robens war Burg Krickelshausen in Lontzen, das heute in der belgischen Provinz Lüttich liegt.

Was sich innerhalb der starken Mauern des Turm und auf dem Hofgut abgespielt haben mag, darüber ließe sich mangels Quellen allenfalls trefflich spekulieren. Das Turminnere deckt sich immer noch weitgehend mit Wackenroders detaillierten Beschreibungen. Heutzutage zeichnet es sich vor allem durch eine ins Augen fallende Schlichtheit aus, um nicht zu sagen: Leere. An Möbeln sind einzig und allein ein Stuhl und ein Tisch vorhanden, letzterer mit grün lackierter Platte. An eines der Sprossenfenster ist eine Holzleiter gelehnt. In der Südostecke des ersten Eingangsgeschosses befindet sich ein Kamin. Für Feierlichkeiten habe man den Turm mitunter schon vermietet, erzählt Heidi Hennen-Servaty. Inzwischen halte man sich, was das angeht, allerdings zurück. Schuld ist die schwierige Verkehrssicherung entlang der Bundesstraße. Dass der einsame Turm am Fuße der Weinberge die Fantasie echter Romantiker beflügelt, zeigt eine Geschichte aus diesem Jahr: Ein Mann aus dem Raum Zell wollte seiner Angebeteten unbedingt in dem alten Gemäuer einen Heiratsantrag machen. Zu diesem Zweck überließ Ediger-Ellers Ortschefin ihm gern den großen Bartschlüssel aus Metall, der in den ansonsten verschlossenen Wohnturm führt. Und wie ging's aus? Die Herzensdame sagte Ja.
RZ Koblenz und Region vom Freitag, 19. Dezember 2014, Seite 20