Lavendel als Chance für brach liegende Wingerte

Projekt Lehmer Razejungen testen Alternative in der Würzlay – Die Idee stammt aus Konz

Von unserem Redakteur Volker Schmidt

M Lehmen. Weinbau ist ein hartes Geschäft – gerade in den Steillagen, in denen der Aufwand oft in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Jedes Jahr sind viele Winzer dazu gezwungen, ihren Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen einzustellen. Ein augenscheinlicher Beleg dafür sind die vielen Brachlagen, die es inzwischen an der Mosel gibt. Nicht nur den Winzern sind diese verwilderten Flächen oft ein Dorn im Auge, führen sie ihnen doch die möglichen Folgen schlechter Jahre vor Augen. Auch die Touristiker sehen diese Entwicklung ungern, denn die Weinberge sind das Aushängeschild der Region. Der Verein Lehmer Razejunge hat jetzt mit seinem Projekt „Lavendel- und Naturkräuterfelsterrasse“ eine alternative Nutzung der ungenutzten Flächen aufgezeigt.

Eine Fläche von 0,5 Hektar im schwer zugänglichen Bereich der Würzlay haben die Lehmener in ehrenamtlicher Arbeit einer neuen Bestimmung zugeführt. „Das war alles zugewuchert“, sagt der Zweite Vorsitzende und Projektleiter Dieter Möhring. Statt Wein haben die Razejungen dort nun Lavendel angepflanzt. Aus diesem will man ab dem kommenden Jahr Produkte wie Öle und Gewürze gewinnen.

Von dem zukunftsweisenden Projekt sind auch die Europäische Union und das Land derart überzeugt, dass sie es fördern: 50 Prozent der Kosten werden durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (Eler) und das Entwicklungsprogramm „Agrarwirtschaft, Umweltmaßnahmen, Landentwicklung“ übernommen.

Die Rekultivierung der brachliegenden Weinberge in der „Würzlay“ erforderte eine Menge ehrenamtlichen Einsatz. Klaus Strick (Foto) war so angetan von dem Projekt, dass er sich den Lehmer Razejungen anschloss.Die Idee der Rekultivierung der Flächen, insbesondere mit Lavendel, stammt allerdings nicht von den Razejungen selbst. Der Konzer Diplom-Geograf Ralph Arens hatte 2007 die Idee dazu und führt mit diversen Fördermitteln eine Machbarkeitsstudie durch. „Ziel war es zu beweisen, dass man unter hiesigen klimatischen Bedingungen mediterrane Pflanzen, insbesondere Lavendel, anpflanzen kann und dass sich diese anschließend auch vermarkten lassen“, sagt Arens. Auch wenn die Studie erst kurz vor dem Abschluss steht, kann Arens schon jetzt sagen: „Ich bin zuversichtlich, dass es bei Lavendel geht.“

Er habe bislang viele Interessenten gehabt – auch viele, die sich diese Idee wirtschaftlich zunutze machen wollten. Allen habe er geraten, abzuwarten. „Wir wollten sichergehen, dass es auch funktioniert.“ An seinen Rat hielten sich alle – bis auf die Razejungen, verrät Arens augenzwinkernd. „Wir haben einfach angefangen“, sagt Möhring, der von dem Konzept voll überzeugt ist. Die Unterstützung von Ralph Arens war den Lehmenern gewiss. „Ich habe ihnen ein paar Tipps gegeben und war auch an Ort und Stelle“, sagt dieser. „Schon allein aus Interesse.“

Nach einem Antragsmarathon kam im April von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), über die der Förderantrag lief, die Gewährung des vorzeitigen Maßnahmenbeginns und somit quasi die Zusage für die Förderung. Ende Juni begannen die Lehmer Razejungen damit, die Flächen, die sie von einem Vereinsmitglied und einem ehemaligen Winzer gepachtet haben, mit Lavendel zu bepflanzen. Der Boden musste zuvor aufwendig bearbeitet, die Wurzeln der Dornen- und Schlinggewächse in mühevoller Handarbeit entfernt werden. „Das bringt auch Vorteile für die Nachbarwinzer“, sagt Möhring. Dadurch, dass die Flächen freigestellt seien, hätten Wildschweine zum Beispiel keine Deckungsmöglichkeit mehr. „Außerdem wird die Würzlay optisch aufgewertet“, ergänzt er. „Und wir haben einen Riesenzuwachs an Schmetterlingen und anderen Insekten.“

Vor Kurzem kam dann die offizielle Förderzusage. Für die Razejungen steht im kommenden Jahr der nächste Schritt an. „Wir müssen sehen, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten es gibt“, sagt Möhring. Dem Verein gehe es aber nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, dass sich das Projekt von selbst trägt. Das Öl, das man aus dem Lavendel gewinnen könne, sei in jedem Fall „sehr hochwertig“. Ralph Arens sagt: „Das ist ein völlig neues Marktgebiet. Wir können Produkte daraus generieren. Da wird eine neue Wertschöpfungskette generiert.“ Wie eine wirtschaftliche Nutzung aussehen könnte, ist natürlich noch nicht klar. „Man muss sich langfristig Gedanken darüber machen, ob man eine Genossenschaft gründen könnte, um das zu vermarkten“, so Möhring.

Optisch haben die Razejungen schon einiges bewirkt: „Die ersten positiven Auswirkungen unserer Arbeiten auf die einzigartige Fauna und Flora der Untermoselregion konnten schon in diesem Sommer und Herbst festgestellt werden. Wir freuen uns bereits auf die Lavendelblüte im kommenden Frühsommer“, so Vorstandsmitglied Willi Unschuld.
RZ Koblenz und Region vom Mittwoch, 3. Dezember 2014, Seite 19