Schleuse macht Moselschifffahrt erst möglich

Ein Blick hinter die Kulissen – Genau so einfache wie geniale Technik

Von unserer Redakteur Volker Schmidt

Dirk Merkert ist einer von sechs Schichtleitern für die Schleuse in Lehmen. Über eine spezielle Software bekommt er angezeigt, welche Schiffe sich nähern.Lehmen. Für Kinder ist die Fahrt mit einem Schiff durch eine Schleuse immer etwas Besonderes: Plötzlich öffnen sich die Tore zur Schleusenkammer. Das Schiff fährt hinein, und dann geht es plötzlich auf- statt vorwärts. Doch wie funktioniert dieser Aufzug für Schiffe eigentlich genau? Das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Koblenz gewährte der Rhein-Zeitung an der Staustufe in Lehmen einen Einblick und beantwortete viele Fragen:

Warum gibt es eigentlich Staustufen an der Mosel?

Die Moselschifffahrt, so wie wir sie heute kennen, wäre ohne Staustufen nicht möglich. Nur die Stauung des Wassers garantiert dauerhaft eine für größere Schiffe nötige Wasserhöhe von drei Metern. Doch eine Staustufe hat noch einen weiteren Vorteil. In dem ebenfalls integrierten Kraftwerk wird mithilfe von vier Turbinen aus Wasser Strom gewonnen. Um die Staustufen für Schiffe passierbar zu machen und den Wasserstandsunterschied zu überwinden gibt es eine Schleuse. Neben der Schleuse in Lehmen gibt es an der Mosel noch 27 weitere Schleusen – 16 in Frankreich, zwei in Luxemburg und zehn in Deutschland.

Wie ist eine Schleuse aufgebaut?

Die Schleuse verfügt über zwei verschiedene Tore: zu Tal über ein Stemmtor (links) und zu Berg über ein Hub- und Senktor.Die Schleuse Lehmen verfügt noch über nur eine Schleusenkammer (siehe Zusatztext). Diese ist 170 Meter lang und zwölf Meter breit. An beiden Enden befinden sich Tore – eins zu Berg und eins zu Tal. Bei dem Tor an der Talseite, auf das die aus Richtung Koblenz kommenden Schiffe stoßen, handelt es sich um ein Stemmtor. Die beiden Flügel des Tores öffnen sich zum Inneren der Schleusenkammer. Auf der Bergseite der Schleusenkammer befindet sich ein Hub- und Senktor. Wie der Name schon sagt, kann dieses nach oben oder unten gefahren werden. Die Steuerung erfolgt aus einer an der Kammer befindlichen Betriebsstelle.

Was passiert beim Schleusen?

Beim Schleusen ist maximal eines der beiden Tore geöffnet. Fährt das Schiff aus Richtung Cochem ein, soll also abgesenkt werden, so wird das Hub- und Senktor nach unten gefahren. Das Schiff kann einfahren. Anschließend wird das Tor wieder nach oben gefahren, wodurch wieder beide Tore geschlossen sind. Nun wird das Wasser durch so genannte Rollschütze am Stemmtor abgelassen. Der Wasserstand innerhalb der Schleusenkammer sinkt – bis er das auf der Talseite vorzufindende Niveau erreicht hat. Ist der Vorgang abgeschlossen, wird das Stemmtor geöffnet. Das Schiff kann ausfahren. Nun ist die Schleuse bereit für den umgekehrten Vorgang. Nachdem das Schiff von der Talseite eingefahren ist, wird das Stemmtor geschlossen. Das Hub- und Senktor wird angehoben, sodass das Wasser unter dem Tor hindurch in die Kammer fließen kann. Der Wasserstand steigt. Ist das Niveau der Bergseite erreicht, wird das Tor nach unten gefahren, sodass das Schiff darüber ausfahren kann. Das Heben und Senken funktioniere einfach ausgedrückt allein durch das Schließen und Öffnen von Rohrleitungen, erklärt Schichtleiter Dirk Merkert die genau so einfache wie geniale Technik.

Die großen Transportschiffe in die enge Schleuse reinzumanövrieren ist oft Millimeterarbeit. Welche Maße müssen eingehalten werden? Können mehrere Schiffe gleichzeitig geschleust werden?

Grundsätzlich müssen die Schiffe natürlich in die Schleusenkammer (170 mal zwölf Meter) passen. Die breitesten Schiffe sind 11,40 breit, erklärt Merkert. „Es gibt auch welche, die 11,50 Meter breit sind, aber die benötigen eine Sondergenehmigung.“ Das Manövrieren der Schiffe in die Kammer ist für die Kapitäne also oft Zentimeterarbeit. Bei unerfahrenen Binnenschiffern kann es da auch schon mal zu einem kleinen Rempler kommen. Die längsten Schiffe passen mit 135 Metern eigentlich locker in die Schleusenkammer. So genannte Schubeinheiten, die aus zwei, zum Teil auch drei Teilen bestehen können, erreichen aber schon mal eine Länge von 172 Metern und sind damit eigentlich zu lang, erklärt Merkert. Durch genaues Rangieren und das Ausnutzen einer Art Pufferzone können aber auch diese Kolosse gerade noch geschleust werden. Bleiben mehrere Schiffe unter einer Gesamtlänge von 170 Metern, können diese natürlich gleichzeitig geschleust werden.

Woher wissen die Schichtleiter, welche Schiffe unterwegs zu ihnen sind?

Der Schichtleiter in der Schleuse erhält die Informationen über den Schiffsverkehr über eine spezielle Software: In das Moselverkehrserfassungssystem (Moves) werden die Schiffe eingespeist. Von der benachbarten Schleusen in Koblenz werden die „Bergfahrer“ erfasst, von der in Müden die „Talfahrer“. So weiß der Schichtleiter genau, welche Schiffe sich auf seine Schleuse zubewegen.

Ist die Schleuse auch mal geschlossen?

Die Schleuse ist 24 Stunden am Tag besetzt. Den Dienst teilen sich sechs Schichtleiter, die auch Wartungsarbeiten erledigen müssen. So wird zum Beispiel einmal wöchentlich das Tor geschmiert, damit sich alle Verschlüsse problemlos öffnen und wieder schließen lassen. Um größere, routinemäßige Wartungsarbeiten zu erledigen, sind die Schleusen jedes Jahr eine Woche lang gesperrt. In diesem Jahr im Juni.

Wie viele Schiffe können pro Tag geschleust werden?

Den Wasserspiegel einmal anzuheben und dann wieder abzusenken dauert etwa eine Stunde. In dieser Zeit können also zwei lange Schiffe geschleust werden – eins nach oben, eins nach unten. Maximal könnten so in 24 Stunden also 48 lange Schiffe geschleust werden. In der Realität ist die Zahl aber viel geringer, 2014 wurden an der Schleuse in Koblenz 8032 Güter- und 1700 Fahrgastschiffe geschleust. Zahlen für die auch in Lehmen zu findende Sportbootschleuse liegen nicht vor.

Wann und warum kommen die zweiten Kammern?

„Die Mosel wird schon seit mehr als 20 Jahren weit über ihre ursprünglich geplanten Ausbaukapazitäten hinaus beansprucht“, erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Enak Ferlemann, vor etwa einem Jahr gegenüber der RZ. Aus diesem Grund sollen alle Moselschleusen mit einer zweiten Kammer versehen werden. Dieser Ausbau bringt vor allem für den Güterverkehr Vorteile, da Wartezeiten verkürzt werden können. Die Schleusen in Fankel und Zeltingen sind bereits ausgebaut. In Trier wird derzeit gebaut. Für den Ausbau der verbleibenden sieben Schleusen auf deutschem Boden sind Ausgaben von 455 Millionen Euro geplant. Für die Schleuse in Lehmen laufen bereits die Planungen. Ein Termin für den Baubeginn liegt noch nicht vor. Vor 2018 dürfte es aber nach Ansicht von Experten nicht losgehen.

Personenschiffe sind zuerst dran

Wasser- und Schifffahrtsamt vergibt Vorschleusrechte an Fahrgastschiffe

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dieses Sprichwort trifft an der Schleuse nur bedingt zu. Denn Güterschiffe müssen hin und wieder warten, obwohl sich kein Schiff vor ihnen befindet. „Lokale Fahrgast- und Kabinenschiffe haben die Möglichkeit eines Vorschleusungsrechts“, sagt Michael Schreiner, Schifffahrtsbüroleiter beim Wasser- und Schifffahrtsamt Koblenz. Den Fahrgastschiffen soll es durch das Vorschleusungsrecht ermöglicht werden, insbesondere in der Hochsaison die Fahrpläne einzuhalten.

Das Vorschleusrecht erhalten die Betreiber von Fahrgastschiffen aber nicht automatisch. Es muss beim Wasser- und Schifffahrtsamt beantragt werden. „Für 2015 haben wir rund 10 000 Vorschleusungsrechte vergeben“, sagt Michael Schreiner. Was für die einen praktisch ist, ist für die anderen bisweilen sehr ärgerlich. Wegen der zusätzlichen Wartezeiten an den zu durchfahrenen zehn Schleusen benötigen Güterschiffe für die Strecke Koblenz – Trier in der Saison durchschnittlich 16 Stunden länger als außerhalb der Saison. Das hätten Erhebungen ergeben, erklärt Dirk Merkert, Schichtleiter an der Lehmener Schleuse.

Doch Vorschleusungsrecht hin oder her: Mehr als ein Fahrgastschiff müssen die Kapitäne der Güterschiffe nicht vorbeilassen. „Nach jeder Vorschleusung müssen wir eine Regelschleusung durchführen“, sagt Merkert. In diesem Fall müssen sich dann auch Kapitän und Gäste eines Personenschiffs mal etwas in Geduld üben.

Um in den Genuss der Vorschleusung zu kommen, muss sich das Fahrgastschiff – so eine weitere Regel – in einem 1500-Meter-Bereich vor der Schleuse befinden. Tut es dies nicht, bekommt ein davor fahrendes, schon zum Schleusvorgang bereites Güterschiff den Vorzug.

RZ Koblenz und Region vom Montag, 4. Mai 2015, Seite 14