Selbstständigkeit und Corona

Ein besonderes Augenmerk möchte ich auf eine Berufsgruppe richten, die durch die Corona-Krise in hohem Maße betroffen ist: Die Selbstständigen und Gewerbetreiben. Lehmen hat aktuell 1348 Einwohner und man kann es durchaus als klein, aber fein bezeichnen. Dennoch haben wir sage-und-schreibe 93 Gewerbe, die hier im angemeldet sind. Das allein verdient ein dickes Lob und ist ein Gewinn für jede Gemeinde. Es geht bei Weitem nicht nur um die Einnahme von Gewerbesteuern, vielmehr ist das Wichtigste, dass die Bürger regional Angebote wahrnehmen und aus einer großen Vielfalt auswählen können. Wir haben die Selbstständigen hier im Ort befragt und möchten exemplarisch die Lage und die Stimmung von 4 bekannten Lehmenern widerspiegeln:

Stefan Gemmel, Kinder- und Jugendbuchautor:
Auch bei mir hat die Corona-Krise alles auf den Kopf gestellt. Mehr als zwei Drittel meines Lebensbedarfs finanziere ich über meine vielen Lesungen und Workshops, die ich bundesweit durchführe. Doch seit März sind diese nicht mehr möglich. Mir wurden vier ganze Lesereisen und über 30 Einzelveranstaltungen abgesagt. Ohne diese Corona-Krise wäre ich auch gerade jetzt unterwegs, um Kindern und Jugendlichen Literatur näher zu bringen. Das bedeutet, dass derzeit kaum Austausch mit Kindern stattfindet und dass ich im Moment auch nichts verdiene.
Auch die Buchmesse Leipzig wurde abgesagt, sodass auch eine Bewerbung der neuen Bücher kaum möglich war. So habe ich mich denn vor die leeren Messehallen gestellt und dort online eine „Trotzdem-Lesung“ gehalten, die man hier sehen kann: https://youtu.be/nDLrERAIf5s
Die jetzige Auszeit nutze ich, um mein nächstes Buch zu schreiben. Eigentlich war dies für Oktober angedacht, doch wenn es mir jetzt gelingt, dieses Schreibprojekt abzuschließen, kann ich den meisten Veranstaltern den Oktober für Ersatztermine anbieten, sodass ich ab diesem Zeitpunkt wohl fast jeden Tag auf Tour sein werde – da freue ich mich jetzt schon drauf.
Was sich positiv entwickelt hat, sind die digitalen Möglichkeiten der Kulturübermittlung. So habe ich schon mehrere Online-Lesungen (mal live, mal aufgenommen) durchgeführt, stehe in direktem Kontakt mit einigen jungen Talenten, um sie weiterhin zu fördern, und betreibe zwei ganze Schreibprojekte mit Schulen digital aus der Ferne. Diese Möglichkeiten werde ich wohl nach der Corona-Krise weiter ausbauen.

Benedikt Weckbecker, Winzer:
Prinzipiell geht es uns gut, auch in den Corona Zeiten. Im Betrieb hat sich natürlich einiges verändert. Der nicht ganz unwesentliche Kundenstamm der Gastronomen ist komplett weggebrochen, was natürlich schlecht für unseren Umsatz ist. Das größere Problem liegt darin, dass es schwer sein wird die vorhandene Menge nächstes Jahr unters Volk zu bringen. Die Natur produziert ja hoffentlich weiter, auch mit Corona. Das Privatkundengeschäft geht wie gewohnt weiter. Dort fehlen leider die großen Familienfeiern, wie Hochzeiten, Geburtstage usw. Einen Webshop hatten wir bereits vorher schon. Auch der ist etwas stärker besucht, da die Kunden gerne zu Hause auswählen und wir es dann liefern. Wir nutzen die Zeit auch und überarbeiten unser Design mit Hilfe eines Webdesigners, um darüber noch mehr Kunden zu erreichen. Ich habe mir Gedanken über ein virtuelles Weinfest gemacht. Man könnte Weinpakete schnüren im Dorf verteilen und über Internet einen Chat/Videochat aufbauen und so ein kleines Fest im Dorf feiern. Ich persönlich fände das cool und würde es auch unterstützen.

Thomas Nickenig, Winzer:
Unser Betrieb steht auf 2 Säulen, dem Weinbau und der Gastronomie. Durch die Corona-Krise sind beide Geschäftsbereiche unterschiedlich stark betroffen. Im Weinbaubetrieb sind Einbußen sowohl im Direktverkauf ab Hof durch ausbleibende Touristen und fehlende Gäste der Gutsschänk, als auch in der Vermarktung außerhalb, da auch Gastrokunden kein Weinbedarf haben und dem teilweise geschlossenem Handel, zu verzeichnen. Unser Gutsausschank ist nun schon einige Wochen komplett ohne Umsatz.
Tatsächlich wird derzeit hauptsächlich Wein per Paketdienst versendet, also Onlineverkauf über unsere Homepage www.wuerzlayhof.de. Trotzdem ist natürlich weiterhin unser Ab-Hof-Verkauf geöffnet. Hier erhält man, neben unseren Weinen aus eigenem Anbau, auch gerne Geschenkgutscheine vom Würzlayhof. Wann dieser schwierige Zustand wieder gelockert wird, bzw. wann wieder zur Normalität zurückgekehrt werden kann, ist uns unbekannt. Auch nicht absehbar ist ob und in welchem Umfang die derzeit ausbleibenden Gäste bei Lockerungen der Schließungen wieder zurückkehren werden.

Ute Maria Bruns, Töpferin:
Seit über 20 Jahren führe ich meine Töpferei in Lehmen. Meine berufliche Situation stellt sich so dar, dass sich sehr viel geändert hat. Zum letzten Mal öffnen konnte ich am „Tag der Offenen Töpferei“, der bundesweit immer am 2. Wochenende im März stattfindet. Der Sicherheitsabstand wurde eingehalten und es kamen merklich weniger Kunden. Danach schlossen auch alle Geschäfte und alle Handwerkermärkte wurden bis August abgesagt. Für mich bedeutet es, dass insgesamt mindestens 8 Märkte ausfallen werden. Ob im Oktober der Handwerkermarkt Ransbach-Baumbach und im Dezember der Mörzer Weihnachtsmarkt, auf dem ich seit vielen Jahren ausstelle, stattfindet, weiß man leider derzeit noch nicht.
Meine Werkstatt war die letzten Wochen geschlossen. Ich habe die Zeit genutzt, um weiter zu Töpfern, sofern der Ton geliefert wurde. Leider gibt es durch die Corona-Krise auch Lieferschwierigkeiten in diesem Segment. Ein besonderes Augenmerk habe ich im Entwerfen und Ausführen von besonderen und umfangreichen Kundenwünschen gesteckt. Bei der Handwerkskammer in Koblenz durfte ich ausstellen und betreibe auch eine Homepage.
Nun darf ich die Werkstatt wieder seit dem 20.04.2020 öffnen. Das freut mich sehr, da ein Teil meines Lohnes der direkte Kontakt zu den Kunden, deren Wertschätzung und Anerkennung, ist. Unterstützung gibt es für kleine Unternehmen wie meins leider nicht. Dennoch ist die Situation für mich nicht existenziell gefährdend, da wir in der Familie noch ein weiteres festes Einkommen haben.